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Narrenpredigt für die Nußdorfer Schneckennarren
Narrenmesse am 13.2.2000 in Überlingen
von Pfarrer Hansjörg Weber (Elzach)

O ihr Narre, groß und klein,
isch des it doch sehr gemein,
daß ihr nach gestrigem Fasnettreibe
heut' morge in der Kirch sollt bleibe.

Nach dem Sternmarsch und dem Juck,
nach Musik, Tanz und Gluck Gluck
ist keiner mehr so richtig frisch
beim Gotteslob am Kirchetisch.

Grad deswege find ich es toll,
daß trotzdem unser Münster voll
mit Hänsele, Schnecke und sonst Getier
von Nußdorf bis zur Donau schier.

G'wiß manch einer liegt noch im Nescht
und merkt it, daß d' Glocke fescht
gelitte hond für jedermann,
um Gott zu ehre für alles Drum und Dran.

Ich ruf euch zu und sag's heraus:
"Kriecht aus eurem Schneckenhaus
und zieht die alten Kleider aus."

Das Narrenkleid der Nußdorfbürger
ischt de Schneck mit seinem Haus.
Scheint d'Sonne, zieht er s' Dächle rüber,
wenn's regnet, kommt er freudig raus.

Bei uns, do isch's grad anderscht rum,
bei Regen, Sturm und solchem Wetter,
gond mir in d' Stube und trinket Rum.
Wenn d' Sonne scheint, isch's drauße netter.

Der Mensch ist arm, der hat kein Haus
und sei es nur ein Schneckenhaus.
Er weiß it, wohin sich verkrieche,
wenn er die Welt it kann mehr rieche.

Es gibt noch ein anderes Haus,
das wichtig ist für unser Lebe,
es ist das heil'ge Gotteshaus
in der Stadt', uf 'm Dorf und in de Rebe.

Sei auch hier daheim in Freud und Leid,
komm zum Danke, komm zum Klage,
sei it faul, sei viel mehr g'scheit,
du hast ein Gott, der will dich trage.

Ich ruf euch zu und sag's heraus:
"Kriecht aus eurem Schneckenhaus,
zieht die alten Kleider aus
und kommt in unser Gotteshaus."

Ein rechter Schneck, der hat zwei Fühler,
wenn er tastet durch's hohe Gras,
spürt er an seine Tastenglieder,
was steinig und was dient zum Fraß.

En Schneck ist allgemein sensibel,
fühlt jede Regung, jeden Schreck,
fährt mer mit dem Finger drüber,
schlüft er zurück ins Schneckeneck.

Geht's dir manchmal nicht sehr ähnlich?
Da kommt dir einer ziemlich bled,
du bist verletzt und fühlst dich dämlich,
hast keine Lust zur Widerred'.

Ziehscht dich zurück, bischt arg beleidigt,
doch loß dich joh it unterkriege,
schau, wie du des bringscht bereinigt
und tue it heulend ins Bett neiliege.

Ich ruf euch zu und sag's heraus:
"Kriecht aus eurem Schneckenhaus,
zieht die alten Kleider aus
und macht dem Haß und Groll ein Aus."

Wir leben heut in einer Zeit
voll Tempo, Hektik und Begier.
Was fehlt, ist die Besinnlichkeit,
Bescheidenheit ist keine Zier.

Ein jeder rennt, so schnell er kann.
Es heißt doch weithin: Zeit ist Geld.
Hast du schon überlegt, guter Mann,
was als Mensch dir dabei fehlt?

Es ist die Liebe, die braucht Zeit,
die Lieb' zum And're und zu Gott.
Wenn das dir fehlt bei aller Eitelkeit,
bist du lebend dennoch tot.

Was kannst du lernen von dem Schneck?
Er nimmt sich Zeit, wie er es braucht,
er kriecht gemächlich um die Eck',
noch nie hat der Kopf bei ihm geraucht.

Ach wie zwei Schnecken sich berühren
mit den Fühlern sanft und zart.
Sie lassen sich von Güte führen.
Wär' das nicht auch Menschenart?

Bleib'Mensch und werde nicht Maschine.
Schließ' dich nicht ein in solches Haus.
Wenn du auch bist 'ne fleiß'ge Biene,
geh' aus der Arbeit auch mal raus.

Ich ruf' euch zu und sag's heraus:
"Kriecht aus eurem Schneckenhaus
und zieht die alten Kleider aus."

Wie ihr seht, kann so ein Kleid,
wie die Narre es heut' trage,
wenn man zum Höre isch bereit
so manches übers Lebe sage.

Me derf nu it in de Tag nei schwanze,
it nu gucke, ob de Mage spannt,
ob de Rubel rollt und schön die Franse,
das Glas gefüllt ist bis zum Rand.

Hinter allem steckt ein tiefrer Sinn,
den gilt es immer zu entdecke,
wird zum Symbol auf Gott selbst hin
sogar die Nußdorf' Weinbergschnecke.

Also, laßt die Fasnet raus,
zieht mit Freude durch die Stadt,
kriecht aus eurem Schneckenhaus,
seid nicht müde, seid nicht matt.

Laßt uns deshalb nochmals singen,
wie wir es zuvor getan.
Freude soll's ins Herz euch bringen,
also Schnecke nochmals ran!

Kriecht aus eurem Schneckenhaus,
zieht die alten Kleider aus.
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